Wer sich schon einmal in einem verfallenen Gebäude umgesehen hat, entdeckte vielleicht schon viele Gefahrenstellen auf den ersten Blick. Ins Auge fallen sofort: lose Mauerteile, Glasscherben, spitze Drahtreste, überwucherte Löcher.
Aber es gibt noch sehr viel mehr Gefahren an einem Lost Place. Ihr könnt dort (wie überall) keine absolute Sicherheit haben, aber mit "Augen auf" ist schon viel erreicht. Los geht's mit unseren Tipps zur Sicherheit beim Urbexen.
Verhalten
- Ich gehe nicht alleine in einen Lost Place, wenn immer möglich.
Wir gehen zu zweit, wir behalten uns gegenseitig im Auge. Wenn ich alleine gehe, bin ich zehnmal so vorsichtig - denn falls ich stürze und bewußtlos werde, findet mich möglicherweise niemand, für eine lange Zeit! - Ich sage einer zuverlässigen Person, wohin ich gehe und wann ich gehe. Das gilt auch, wenn wir zu mehreren losgehen.
Ich gebe eine Rückkehrzeit an und melde mich dann auch wieder. Wenn ich mich nicht melden sollte, wird die Person mich kontaktieren und wenn das erfolglos ist, nach mir suchen / suchen lassen. - Ich mache auch abends, wenn es noch so verlockend ist, kein Lagerfeuer im Lost Place.
- Ich gehe immer nur in die Richtung, in die ich auch sehe. Ich gehe nie - z.B. mit der Kamera am Auge! - vorwärts, ohne den Boden zu sehen; ich gehe ebenso nicht rückwärts oder seitwärts. Ich sehe immer dahin, wo meine Füße sind. Sehe ich hoch, bleibe ich stehen!
- Ich gehe durch einen Lost Place von unten nach oben. Unten schaue ich mir die Decken an, das wären im nächsten Stockwerk dann die Böden. Ich achte auf Risse, gebrochene Balken, schiefe Decken und Böden - die betrete ich nicht!
- Ich schaue mir auch genau die Treppen an und meide alles, was nicht mehr stabil sein könnte.
- Ich lehne mich weder an Türen noch an Fenster.
- Ich habe ein Ohr immer Richtung Begleitung, und ein Ohr nach außen. Den Sicherheitsdienst im PKW hört man manchmal schon sehr früh. An den Spuren im Gelände seht ihr auch gut, welche Wege der befährt.
Dem Sicherheitsdienst weiche ich aus, solange er mich nicht sieht. (Die betreten fast nie die Gebäude, außer sie hören dich!)
Wir haben auch schon in einem Raum gestanden und gehofft, dass der Hund nicht bellt, während vor dem Haus der Wachmann eine rauchte ...
Ausrüstung
- Ich bin vernünftig ausgerüstet und verzichte auch im Hochsommer nicht auf schützende Kleidung.
- Feste Schuhe sind ein Muss, es gibt Sicherheitsschuhe mit einer Sohle, die nicht durch z.B. einen Nagel durchstoßen werden kann.
- Eine lange feste Hose schützt Beine vor Stacheldraht und Dornen.
- Eine feste Jacke schützt den Oberkörper. Es gibt für schmales Geld Arbeits- und Sicherheitsjacken, die kaum kaputtzubekommen sind.
- Schnittfeste Handschuhe sind gut, wenn man durch ein Fenster klettert (Glasscherben) oder durch Stacheldraht muss.
- Ein Helm kann nicht schaden.
- Meine Tetanus-Impfung ist aktuell, und ich bin am besten auch gegen Zecken geschützt.
- Mein kleiner Rucksack enthält alles Notwendige für einen langen und sicheren Tag:
- Trinkwasser, Energieriegel, vielleicht Traubenzucker.
- Mückenmittel (aus unserer Erfahrung hilft das schwedische "Dschungel-Öl" besser als das bekannte "Autan", muss man selbst probieren)
- Frisch aufgeladenes Smartphone. Auf der einen Seite stört vielleicht ein Anrufsignal, wenn ich nicht bemerkt werden will, auf der anderen Seite bin ich mit stummgeschaltetem Telefon nicht für meine Begleiter erreichbar. Am besten auf "Vibration" stellen.
- Starke LED-Taschenlampe, die man am besten noch in der Leistung regulieren kann. Zusätzlich eine Stirnlampe, um die Hände frei zu haben. Die Akkus müssen frisch geladen sein. Eine dicke Powerbank ist nicht unbedingt nötig, aber gibt zusätzliche Sicherheit und versorgt auch das Smartphone.
- Kleines Verbandpäckchen und Pflaster, Desinfektionsmittel. Zeckenzange?
- Handwaschpaste, um starke Verschmutzungen loszuwerden.
- Bleistift und Notizblock (Spiralblock). Ihr könnt euch Notizen machen und vor allem für andere eine hinterlassen. Warum Bleistift? Ist besser gegen Feuchtigkeit beständig.
- Starke Zange oder Bolzenschneider für Stacheldraht. Spart da nicht am Werkzeug, das Zeug vom Grabbeltisch schneidet nicht mal Knetgummi schadensfrei durch!
- Meine Kamera-Ausrüstung halte ich so klein wie möglich. Hier kommt es auf persönliche Vorlieben an. Viele benutzen keine Spiegelreflexkamera, andere lassen sich nicht davon abbringen. Stativ ist ein Muss, innen drin ist es meist erstaunlich dunkel.
- Mein Hund trägt ebenfalls Schuhe. Glassplitter sind für ihn noch viel gefährlicher. Der Hund wird an der Leine geführt, lasst ihn niemals frei im Lost Place laufen!
Besondere Gefahren
- Stacheldraht und Stacheldraht sind nicht dasselbe: normaler Stacheldraht ist lästig und schmerzhaft. Verletzt man sich an rostigem Metall, besteht immer Infektionsgefahr. Aber NATO-Draht (ist für zivile Nutzung übrigens verboten) ist noch viele Ecken schlimmer: wer einmal drin hängt, kommt durch Bewegen und Ziehen /Schieben nicht mehr raus. Der Draht ist so konstruiert, dass man sich immer tiefer verwickelt und an den scharfen Schneiden reichlich verletzt. Da hilft meist nur - sowenig wie möglich bewegen und Draht durchschneiden!
Ansonsten: den Draht kann man überqueren, wenn man ein recht breites Brett darüberlegt. Das muss stabil liegen, sonst fällt man seitlich in den Draht. NATO-Draht oben auf einem Zaun bedeutet: unten durch, denn oben drüber geht wahrscheinlich schief. - Mit Wasser vollgelaufene Löcher: kann ich den Grund nicht einwandfrei erkennen, nicht versuchen, da durchzuwaten. In teilweise überfluteten Kellern können sich ebenso Löcher im Fußboden verbergen. Die findet man auch kaum mit einer Lampe. Entweder mit einem Stock den Fußboden sorgfältig abtasten oder auf den Durchgang verzichten.
- Militärgelände sind nicht ohne, denn im Außenbereich können Munitionsreste (auch scharfe Munition!) unter Gras überwachsen herumliegen. Das gilt auch für Kasernen - als z.B. die GSSD-Truppen abzogen, haben sie vergraben, was nicht mitzunehmen war. Da geklaute Wasserhähne, Privatautos und Kloschüsseln wichtiger waren als die Ausrüstung, ist oft auch Munition mitten in der Kaserne vergraben worden.
- Munitionsreste faßt man niemals an, oder schiebt sie mit dem Fuß in "fotogene" Lage. NIEMALS!
- Überwachsene Außengelände sind oft mit versteckten Schächten gesegnet. Die Schachtdeckel sind von Schrott-Dieben längst geklaut. In einen solchen Schacht zu treten ist leicht, daher ständig den Boden im Auge haben. In einen leeren Schacht steckt man am besten einen langen Ast, dann sind andere Besucher gewarnt.
- In ehemaligen Bahngeländen kann es durchaus noch genutzte Gleise geben, erkennbar an fehlendem Rost auf dem Gleis.
- In einem Lost Place fingere ich nicht an losen Kabel-Enden herum. Es ist wahrscheinlich (!) kein Strom mehr eingeschaltet, doch sah ich selbst schon in zwei Lost Places eingeschaltetes Licht.
- Mit mehreren Personen sieht man mehr, andererseits steht man sich beim Fotografieren im Weg, also bleibt wenigstens in Sprech- oder Rufweite.
- Man bricht nichts auf. Gerade Außentüren, oder Tore in der Umzäunung sind bei "beliebteren" Orten durch Alarm, durch Video oder einen Wachdienst geschützt. Durch ein vorhandenes Loch im Zaun zu krabbeln ist eine Sache, aber die Tür selbst aufzubrechen noch eine ganz andere Nummer.
Einer sollte unbedingt fotografisch /als Video dokumentieren, wo ihr durchgegangen seid und dass das Loch schon vorhanden war. Sonst gibt es obendrauf zum Hausfriedensbruch noch eine Schadensersatzforderung.
Ist das eigentlich legal?
Kann euch eigentlich nur ein Rechtsanwalt sagen, ich bin keiner und gebe keine Rechtsberatung. Hier meine laienhafte Auffassung:
- Hausfriedensbruch ist in § 123 StGB geregelt und liegt vor, wenn jemand widerrechtlich in die Wohnung, Geschäftsräume oder in das befriedete Besitztum eines anderen eindringt oder dort verweilt. Die Strafe kann bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe betragen.
- "Befriedet" heißt: Zaun drum herum. Ob der Zaun schon teilweise kaputt ist oder Löcher hat, ist egal!
- "Eindringen": Das Eindringen kann aktiv erfolgen, indem man einen geschützten Bereich betritt, oder passiv, indem man sich trotz Aufforderung nicht entfernt.
- "Widerrechtlichkeit": Es muss ohne die Zustimmung des Berechtigten geschehen. Davon ist grundsätzlich auszugehen, auch ohne dass ein Schild "Betreten verboten!" angebracht ist. Der Eigentümer will garantiert keine Verkehrssicherung der einsturzgefährdeten Ruinen mehr übernehmen und will daher keine Personen auf dem Gelände dulden. Davon sollte man ausgehen!
- Hausfriedensbruch ist ein absolutes Antragsdelikt. Das bedeutet, dass die Tat nur auf Antrag des Geschädigten (also des Eigentümers) verfolgt wird.
- Der Sicherheitsdienst darf euch anhalten und wohl auch die Personalien feststellen. Er kann auch die Polizei rufen. Auf "Dicke Hose" machen ist jetzt ganz und gar nicht angesagt, also bleibt friedlich und hofft darauf, dass es keine Anzeige gibt.
- Und, wie im Artikel Gibt es einen Urbexer-Codex? beschrieben - ihr nehmt nichts mit! Das wäre zusätzlich noch Diebstahl. Wird die Polizei gerufen, gucken die mit Sicherheit in euren Rucksack. Da sollte nichts drin sein, was nicht euch gehört!