Niemand trauert einem Finanzamt nach, oder doch? Richtig "hübsch" anzusehen war das Gebäudeensemble ja nun nicht, nach heutigem Maßstab. Betonfassaden waren aber in den 70ern nun mal modern, und Geschmack wandelt sich - deswegen wurde ja auch auf dem Land so manches völlig intakte Fachwerkhaus aus dem Dorfkern abgerissen, denn "unser Dorf soll schöner werden!"
Oldenburg ist einerseits kein Dorf, und andererseits durch den Abriss zunächst auch nicht soo viel schöner geworden, schließlich lag das Areal einige Jahre brach. Nebenan stand auch noch ein Lost Place (Heiligengeiststraße 24), das Haus ist auch längst abgerissen. Nun ist das Ex-Finanzamts-Grundstück an die Stadt Oldenburg verpachtet, recht hübsch hergerichtet und vor allem öffentlich zugänglich und benutzbar. Ein Park an dieser Stelle wird, soweit ich das gelegentlich sehe, gern und gut angenommen. Zufällig kenne ich einiges von dem, was langfristig rund um den Pferdemarkt an städtebaulicher Umgestaltung passieren soll, und hoffentlich wird das alles auch bald umgesetzt!
Oh, ich bin völlig vom Thema abgekommen. Also: Das Finanzamt Oldenburg an der 91er Straße hat eine überraschend vielschichtige Geschichte, die eng mit der städtebaulichen Entwicklung Oldenburgs und der späteren Umnutzung des Geländes verbunden ist. Die wichtigsten historischen Punkte lassen sich klar nachzeichnen. Das Finanzamt befand sich über ca. 40 Jahre an der 91er Straße Nr. 4.
Der Gebäudekomplex entstand in den 1970er-Jahren als moderner Behördenbau und wurde nach nur rund 40 Jahren wieder aufgegeben und schließlich vollständig abgerissen. Der Abriss war dabei nicht das Ergebnis eines einzelnen Mangels, sondern einer Kombination aus gravierenden konstruktiven Schäden, Schadstoffbelastungen und wirtschaftlichen Erwägungen. Die Büros wurden 1975 bezogen. Typisch für die damals gebaute Verwaltungsarchitektur:
- Stahlbeton-Skelettbau,
- mehrgeschossige, klar gegliederte Baukörper,
- vorgehängte Betonbrüstungen,
- Flachdächer,
- großzügige Büroflure und Großraumbereiche.
Die Abbrucharbeiten begannen Ende 2018 und dauerten bis 2020 /2021. Der Rückbau war außergewöhnlich aufwendig. Wegen der Asbestbelastung war eine abschnittsweise Einhausung der Gebäude erforderlich, die Arbeiten mussten im Unterdruckverfahren durchgeführt werden, eine aufwendige Entfernung der asbesthaltigen Fassadenkleber war durchzuführen. Der Rückbau erfolgte deswegen in mehreren Bauabschnitten. Wochen- und monatelang musste - die Aufzüge waren längst außer Betrieb! - der Asbestmüll entweder von Hand oder mit Winden sorgfältig verpackt aus dem Gebäude geschafft werden. Wände, Decken und Stahlträger wurden dann mit dem riesigen Abrissbagger Stück für Stück "weggeknabbert". Der Bauschutt wurde vor Ort schon zerkleinert, um die LKW möglichst bis an die Grenze des zulässigen Gesamtgewichts zu beladen und damit den LKW-Verkehr zu vermindern.
Das Finanzministerium bezeichnete den Abriss ausdrücklich als eines der komplexeren Rückbauprojekte des Landes. Die Nutzungsdauer ist ungewöhnlich niedrig, geht man doch von ~60 Jahren für solche Bauten aus. Aber in den 70ern wurde eben auch viel ausprobiert und neu gedacht, mal ging es gut, mal weniger.
Nach dem Abriss lag das Grundstück jahrelang ungenutzt. Später wurde es in eine öffentliche Park- bzw. Grünanlage umgewandelt. Die Stadt Oldenburg prüfte verschiedene Nutzungsmöglichkeiten, darunter: reine Grünfläche, Nutzungsmix mit öffentlichen Gebäuden, städtebauliche Aufwertung eines zentralen Innenstadtzugangs. Das Grundstück befindet sich unverändert im Eigentum des Landes Niedersachsen (Stand 2026). Das Finanzamt Oldenburg ist heute im Stubbenweg 42 untergebracht.
Ich konnte am 13.07.2018 unmittelbar vor Beginn der Abbrucharbeiten mit Genehmigung (!) hinein mit meiner Kollegin, und vor allem: hinauf! Aber auch für uns waren die Aufzüge schon ausser Betrieb. Im Haus waren die Fenster geschlossen, es war mangels Lüftung feucht und wegen dem Sommer auch noch ziemlich warm. Auf das Dach zu kommen war ein Stück Arbeit, aber der Rundblick von dort oben - einmalig!
Und um noch mal drauf zurückzukommen: doch, einige der dort Beschäftigten haben sehr wahrscheinlich dem Gebäude nachgetrauert. So großzügig wird heute wahrscheinlich nicht unbedingt gebaut, und die Lage mitten in der Stadt bietet immens viele Annehmlichkeiten, wenn man nach Dienstschluss noch mal shoppen gehen möchte.
Dies sind also die wirklich allerallerletzten Bilder vom Finanzamt Oldenburg, 91er Straße:
























































