In der Garnison Vogelsang
In der Garnison Vogelsang
Die sowjetische Militärstadt Vogelsang bei Zehdenick (Brandenburg) zählt zu den historisch brisantesten Orten des Kalten Krieges auf deutschem Boden. Als zweitgrößte Garnison der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) nach Wünsdorf war sie jahrzehntelang ein streng abgeschirmtes Machtzentrum der Roten Armee. [1, 2, 3, 4]

Die Gründungsphase und der Bau (ab 1949)

Die Geschichte des Areals begann am 7. März 1949. Zwei sowjetische Generäle übergaben in Templin den Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD), 1.400 Hektar Wald im heutigen Naturpark Uckermärkische Seen (ehemals Reichsnaturschutzgebiet „Forst Tangersdorf“) radikal zu roden. Hunderte deutsche Forstarbeiter mussten unter Zwang den Wald kahlschlagen. Auf dem gewonnenen Platz entstand zunächst ein Schießplatz, der zügig zu einer gigantischen Kaserne ausgebaut wurde. [4, 5]  

Das Leben in der „Geisterstadt“

Über die Jahre wuchs das Areal auf über 3 Quadratkilometer an. Die Rote Armee errichtete hier eine völlig autarke Kleinstadt (russisch: Фогелзанг) für bis zu 15.000 Menschen – Soldaten der 25. Panzerdivision sowie deren Familienangehörige. [2, 4, 6]
Um die Truppen unabhängig von der DDR-Infrastruktur zu versorgen, verfügte die Basis über rund 500 Gebäude: [4, 7]
  • Eigene Großbäckereien, Schlachtereien und „Magasin“-Geschäfte
  • Schulen, Kindergärten und Sanitätsstationen
  • Ein prunkvolles „Haus der Offiziere“ mit großem Theatersaal und Sportanlagen
  • Ein eigenes Kraftwerk und Schienenanschlüsse direkt in das Waldlager [8, 9]
Die DDR-Zivilbevölkerung hatte striktes Betretungsverbot; das Gelände war auf offiziellen DDR-Landkarten schlicht als weißer Fleck oder normaler Wald eingezeichnet. [5]

Das nukleare Geheimnis (1959 & die 1980er)

Die historisch größte Bedeutung erlangte Vogelsang im Frühjahr 1959. Lange vor der bekannteren Kuba-Krise stationierte die Sowjetunion hier heimlich nukleare Mittelstreckenraketen des Typs R-5M „Pobeda“ (NATO-Code: SS-3 Shyster). Diese Atomwaffen hatten eine Reichweite von 1.200 Kilometern und waren primär auf London, Paris und die NATO-Basen in Westdeutschland gerichtet. Selbst die DDR-Führung um Walter Ulbricht wurde über die nukleare Belegung nicht informiert. Aus strategischen Gründen wurden die R-5M-Systeme noch im Spätherbst 1959 wieder abgezogen. [2, 8, 10]
In den 1980er Jahren kehrte die atomare Bedrohung zurück: Vogelsang diente als wichtiger Stationierungsort für modernere, mobile Raketenkomplexe des Typs SS-12 Scaleboard. Erst mit dem INF-Abrüstungsvertrag von 1987 wurden diese Systeme endgültig abgezogen. [2, 8]

Abzug und Renaturierung (1994 bis heute)

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR verließen die russischen Truppen im Jahr 1994 die Garnison fluchtartig. Zurück blieb eine gigantische Geisterstadt voller Munitionsreste, Treibstoffkontaminationen und sowjetischer Wandmalereien. [2, 3, 11, 12]
Da die Verkehrssicherung und Entmunitionierung immense Kosten verursachten, entschied das Land Brandenburg sich für die vollständige Renaturierung. Seit den 2000er-Jahren läuft ein massives Abriss- und Rückbauprogramm. [1, 2]

Aktueller Zustand

  • Kaum noch Gebäude: Von den einst 500 Bauwerken stehen heute schätzungsweise nur noch 15 bis 20 stark baufällige Ruinenreste (darunter Teile der Panzerhallen und Wohnblöcke). [1, 7]
  • Betreten gefährlich: Das Gelände ist zwar nicht komplett eingezäunt, das Verlassen der Wege ist wegen hoher Munitionsbelastung im Boden (Projektile, Granaten) jedoch lebensgefährlich. [1]
  • Naturerholungsgebiet: Die Natur holt sich das Areal rasant zurück; weite Teile sind heute wieder ein geschlossenes Wald- und Heidegebiet. [11, 13]