Panne? Kann man was dagegen tun?
Panne? Kann man was dagegen tun?

Wenn man wie wir in recht abgelegenen Gebieten unterwegs ist, macht man sich schon mal Gedanken darüber: "was mache ich, wenn hier mal was kaputt geht?" - Die Antwort richtet sich natürlich auch danach, ob man sich überhaupt in der Lage fühlt, etwas reparieren zu können. Am besten auch noch so, dass sich der Schaden nicht vergrößert! Dafür braucht man in den allermeisten Fällen Werkzeug. An einem Wohnmobil gibt es ziemlich wenig Gelegenheiten, etwas ohne Werkzeug zu reparieren. Also, was wird gebraucht?

Zunächst brauchst du einen Kasten für dein Werkzeug, und keine labberigen Beutel, in denen sich angerostete Schraubenschlüssel klimpernd tummeln können. Was für eine Kiste, ist Geschmackssache. Ich würde meine Werkzeugausstattung festlegen und dann schauen, dass die Kiste auch groß genug ist. Leicht sollte sie auch sein, und praktisch auch noch.

Noch was zum Werkzeug: auch wenn du es nur selten brauchst, kaufe Qualität! Du kannst es ja auch zu Hause benutzen, der Kasten muss ja nicht jahrelang unbenutzt im Wohnmobil stehen. Ich kann dir hier kaum Markennamen nennen, weil es im Qualitäts-Segment sehr viele gute Anbieter gibt. Aber eine Empfehlung habe ich doch: die schwedische Kette biltema hat ausgezeichnetes Werkzeug und ist, verglichen mit unseren Baumärkten, dabei recht preisgünstig. Der Haken ist natürlich, dass es biltema hierzulande nicht gibt. (Ich weiß, wovon ich rede, ich habe seit 25 Jahren ein und denselben Knarrenkasten in Gebrauch kostet heute 499:- SEK / ~ 50 €)

Und übrigens kannst du auch bei einem fast neuen Wohnmobil immer in Verlegenheit kommen, doch noch mal was nachschrauben zu müssen.

Auf den Zettel gehören also (kursiv geschriebene Positionen sind "nice to have", aber es geht auch ohne):

Werkzeugliste
  • Schlosserhammer 200 g
  • Kunststoffhammer
  • stabile Universalschere
  • Bandmaß 3 Meter
  • Multimeter
  • günstiger Meßschieber, der auch für Innen- und Tiefenmessungen geeignet ist.
  • Montierhebel
  • kleine Rundfeile
  • Rolle Panzerband (silber), und Rolle Isolierband -. gelegentlich mal austauschen, weil es leider auch altert
  • Sicherungen (macht euch die Mühe, nicht die überteuerten "Universal"-Sätze zu kaufen, weil da garantiert 95% der Sicherungen in eurem Fahrzeug nicht passen und die anderen 5% sich auf je eine Sicherung pro Stufe beschränken)
  • Eine dieser kleinen speziellen Zangen für Flachsicherungen.
  • mittelbreiter Flachmeißel
  • "Rödeldraht" /einfacher Stahldraht, eine kleine Spule mit ein paar Metern
  • Pinzette 
  • Teleskop-Magnet, denn genau deine einzige Schraube fällt runter und liegt unter dem Motor auf der Abdeckung
  • Kombizange
  • Rohrzange
  • Spitzzange
  • Seitenschneider
  • Gripzange
  • Arbeitshandschuhe, ölbeständig
  • batteriebetriebene Leuchte, mit Schwanenhals und Magnetfuß
  • Schlauchschellen aus Edelstahl, für Wasserschläuche. 
    (Schlauch mitführen bringt m.E. nichts, wenn man den braucht, ist er auch schon so alt wie das defekte Teil, lieber neu kaufen bei Bedarf)
  • Werkstatt-Putzlappen (glaub mir, mit der normalen Küchenrolle ist man schnell aufgeschmissen!)
  • PUK-Säge mit Metallsägeblatt
  • Cutter-Messer (am besten die mit Metallgriff), und ein paar scharfe Ersatzklingen
  • ein paar selbstschneidende Blechschrauben
  • kleine Dose Mehrzweck-Schmierfett
  • Kabelbinder (braucht man erstaunlich oft)
  • Ein paar kleine Stücke Schrumpfschlauch in verschiedenen Durchmessern
  • "Normale" Schraubendreher sind manchmal nützlich, wenn's eng wird, aber ich glaube sie lohnen nicht wirklich.
  • Gabelschlüssel in Schlüsselweiten von 6 bis 24 mm
  • Ringschlüssel in denselben Größen
    (gibt es auch kombiniert, aber ich würde zwei Schlüssel einer Schlüsselweite bevorzugen, manchmal muss man eine Mutter kontern)
  • Schrauber-Bits mit T-Griff und normalem Griff (hier braucht man fast nur Kreuzschlitz-Bits, bei nicht ganz steinalten Fahrzeugen auch noch Torx, ggf. Innensechskant /Inbus.
    Schlitzschrauben gibt es gelegentlich auch noch!
  • Ratschengriff ist nicht unbedingt nötig, aber gut, wenn man mehr und länger selbst schraubt.
  • Verlängerung für Bit-Schraubendreher ca. 200 mm in der passenden Größe
  • Eine flexible Welle für den Schraubendreher bzw. ein Kreuzgelenk für schwer erreichbare Schrauben
  • Ein Streifen Lüsterklemmen, zwei verschiedenfarbige Längen 1,5mm² Kabel (Achtung: eine Lüsterklemme am Kraftfahrzeug ist allenfalls für eine provisorische Reparatur gedacht!
  • Ein paar Holzschrauben, um gelockerte /gebrochene Möbelteile wieder zu montieren. Nehmt rostfreie, und nehmt auch kurze, die nicht auf der anderen Seite aus dem Schrank wieder rauskommen.
  • Einen alten Fahrradschlauch (so günstig kommst du nicht nochmal an recht ölbeständiges Dichtungsmaterial!)

 

So, und nun noch ein paar Einkaufstipps, aus jahrzehntelanger Erfahrung. 

  1. Wer billig kauft, kauft halt zwei- oder dreimal. Wenn dir dein Werkzeug vom Grabbeltisch zu Hause wegbricht, ist das schon schlimm genug; unterwegs ist es vielleicht der Unterschied zwischen "ich komme gerade noch bis zur Werkstatt" und "so ein Mist, jetzt 200 Kilometer abschleppen".
  2. Was im Shopping-TV angepriesen wird, kaufst du bitte nicht. Wenn dort andauernd das Wort "revolutionär" fällt, vergiß' den Schrott. Glaub mir. Vergiß' es!
  3. Ein Satz Schrauben, Dichtungen, Sicherungen und Glühlampen ist nicht nach deinem Bedarf zusammengestellt, sondern nach dem Bedarf der Industrie. Du findest das Teil, das du benötigst, genau einmal da drin. Alles andere wirst du nicht gebrauchen können. Also vergiß' auch das, stell dir deine Ersatzlampen und -sicherungen selbst zusammen. Macht auch mehr Spaß.
    Werkzeug
    Werkzeug
  4. Die Bezeichnung "Industriequalität" und "Werkstattqualität" heißt gar nichts. Eine schöne Verchromung nutzt dir auf butterweichem Stahl nichts, auch nicht, wenn man den geheimnisvoll "Spezialstahl" nennt.
  5. Schraubenschlüssel sollten aus Chrom-Vanadium- oder Chrom-Molybän-Stahl bestehen und gesenkgeschmiedet ("drop forged") sein. 
  6. Bestelle nichts im Internet, ausgenommen von einer wirklich (!!!) renommierten Marke und aus vertrauenswürdiger Quelle. Schau dir dein künftiges Werkzeug an!
    1. Sauber verarbeitete Oberflächen, keine Grate und keine scharfen Kanten!
    2. Schraubendreher passen spielfrei in Schrauben (es gibt mehrere verschiedene Profile für Kreuzschlitz-Schrauben).
    3. Maulschlüssel und Steckschlüssel sitzen mehr nur sehr, sehr wenig Spiel auf dem Schraubenkopf. 
  7. Eine gute Ratsche ist fein verzahnt (72 ... 120 Zähne). Sie hat einen kleinen Rückholwinkel und einen spielfreien Mechanismus. Sie ist hoch belastbar (das kannst du nur glauben, aber kaum testen, hier musst du dem Ruf des Produzenten vertrauen).
  8. Zangen und Seitenschneider schließen exakt, wackeln nicht seitlich und greifen sicher zu.
  9. Schraubendreher haben idealer Weise eine gehärtete und geschliffene Klinge, sie besitzen einen ergonomischen Griff. Große Schraubendreher können einen Sechskant haben, um schwere Fälle zu lösen.
  10. Premiumhersteller bieten manchmal 20 Jahre Garantie oder sogar eine lebenslange Garantie. 

Im Ergebnis kannst du für gutes Werkzeug mit einem Mehrfachen des Preises für billiges Werkzeug rechnen. Rechnet sich das? Ich benutze mein Werkzeug meist auch zu Hause, da lohnt sich Qualität immer. Du arbeitest damit auch wahrscheinlich viel lieber!

Werkzeug pflegt man, minimaler Aufwand reicht:

  • nur trocken wieder wegpacken, wenn's draußen mal naß war.
  • Ein bißchen Öl auf die Gelenke von Zangen geben von Zeit zu Zeit; bei Ratschen schauen, ob das erlaubt ist (manche werden gefettet)
  • Abplatzender Lack ist normaler Weise nicht schlimm, aber nicht am Griff. 
  • Eingerissene Kunststoffgriffe machen Werkzeug unbrauchbar.
  • Schraubendreher sollten keine vermackten Schneiden haben, sonst sind die Schraubenköpfe auch schnell hin.
  • Ein Werkzeug nur zum vorgesehenen Zweck einsetzen - Schraubendreher ist kein Meißel und Zange kein Schraubenschlüssel.
  • Batterien nimmt man aus Meßgeräten am besten heraus, wenn sie länger nicht gebraucht werden. 
  • Ich halte gar nichts von "verstellbaren" Schraubenschlüsseln, diese Dinger sind in meinen Augen absoluter Müll. Sie greifen nur an zwei Flächen und haben dabei immer weit mehr Spiel als normale Maulschlüssel. Sie sind dazu noch klobiger. Ich würde immer Ringschlüssel oder Sechskant-Stecknüsse bevorzugen, weil sie an vielen Flächen angreifen können und besser mit festsitzenden Schrauben fertig werden.

Und schließlich ... schau in aller Ruhe, bei bestem Wetter und Tageslicht mal bei deinem Wohnmobil, wo eigentlich die ganzen Sicherungen und Verteilerkästen stecken. Mache dir vielleicht ein paar Notizen. Bei uns (Renault Master, 3. Generation) sitzen Sicherungen vom Fahrzeug im Armaturenbrett links unterhalb vom Lenkrad. Einen weiteren Sicherungskasten im Motorraum findest du nicht, wenn du nicht weißt, wo er sitzt. Man muss den Kühlflüssigkeitsbehälter abschrauben und beiseitelegen, dann noch eine Abdeckung mit vier Schrauben entfernen und dann den Sicherungskasten darunter hochnehmen und umdrehen. Das ist so derart unnötig kompliziert, wahrscheinlich durfte da auch mal ein deutscher Ingenieur dran.😉

Und nun ... hoffen wir mal, dass ihr das Werkzeug unterwegs gar nicht braucht!